Frauen im Handwerk

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Frauen im Handwerk

Wenn Frauen ein Handwerk ausüben, arbeiten die meisten als Friseurinnen. Traditionell männliche und technische Handwerksberufe werden eher selten gewählt. Woran liegt das? Dafür gibt es verschiedene Gründe und Erklärungsansätze. Wobei es nicht nur die Frauen sind, die sich gegen einen Handwerksberuf entscheiden, sondern häufig auch die Betriebe selbst, die bewusst keine Frauen einstellen wollen oder zu wenig Anreize bieten.

Studien der letzten Jahre zeigen, dass sich Frauen sehr wohl vermehrt für männertypische Berufe entscheiden – vor allem im Ausbildungsbereich. Als Grund für den Anstieg wird „zunehmendes Interesse von Frauen für einen Handwerksberuf“ genannt. Dieses wird u.a. durch Aktionen wie den Girls’ Day geweckt. Doch das ist nicht genug. 

Der Grundstein wird bereits zu Hause gelegt
Damit sich noch mehr junge Frauen dafür entscheiden, einen Handwerksberuf zu erlernen, müssen Anreize bereits frühzeitig zu Hause, in der Schule und in Zusammenarbeit mit den Betrieben gesetzt werden. Denn der Grundstein wird schon von Beginn an in der elterlichen Erziehung gelegt: Wie wird das Rollenbild von Mann und Frau vorgelebt? Welche Meinung haben die Eltern über männertypische Handwerksberufe? Inwieweit wird das Kind ermutigt, einen solchen Beruf in Betracht zu ziehen? Nicht alle Eltern können ohne Weiteres akzeptieren, wenn sich die Tochter von typischen Geschlechterrollen lossagt und einen Beruf ergreifen möchte, der so gar nicht „weiblich“ ist. Und auch das Bildungssystem und die Lehrkräften haben erheblichen Einfluss bei der Vermittlung von Berufsbildern.

Ein gutes Beispiel hierfür ist Julia Hofmann. Für sie stand früh fest Schornsteinfegerin zu werden und ihre Eltern haben sie von Anfang an dabei unterstützt. Im Interview erzählt sie, warum dies für sie der perfekte Beruf ist und ob sie mit Vorurteilen zu kämpfen hat oder nicht. Lesen Sie das Interview, das wir mit Julia Hofmann geführt haben.

Trotz positiver Beispiele fürchten viele junge Frauen, sich in männertypischen Berufen stärker beweisen zu müssen als ihre männlichen Kollegen und unter hohem Druck zu stehen. Besonders Handwerksberufe werden mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden. Dabei wird oft außer Acht gelassen, dass speziell in technischen Handwerksberufen ein hohes Maß an Feinmotorik gefragt ist, die Frauen in der Regel besser beherrschen als die Männer. Gleichzeitig besteht die Angst vor sexueller Belästigung, Mobbing oder Benachteiligung. Hier gilt es, von allen Seiten Abhilfe zu schaffen und das Erlernen eines Handwerksberufs wieder attraktiver zu machen. 

Unternehmerfrauen in Handwerksberufen
Doch auch Frauen, die keinen Handwerksberuf erlernt und stattdessen studiert oder ihre Ausbildung in einem völlig anderen Bereich absolviert haben, können den Weg ins Handwerk finden. Oft ist dies der Fall, wenn innerhalb der Familie in diesem Bereich gearbeitet wird. Insbesondere die (Ehe-)Partnerinnen übernehmen dann vielfältige und notwendige Führungsaufgaben im Betrieb, obwohl sie vielleicht davor in einem anderen Bereich tätig waren. 

Wie erleben mitarbeitende Unternehmerfrauen im Handwerk Herausforderungen und Interaktionen im Betrieb sowie ihre Lebenssituation im Alltag? Dieser Frage widmet sich die empirische Untersuchung des itb „Die Bedeutung mitarbeitender Unternehmerfrauen für ein zukunftsfähiges Handwerk“, die vom Bundesverband der Unternehmerfrauen im Handwerk e.V. (UFH) beauftragt wurde.

Danach verfügen 95 Prozent der befragten Frauen über eine abgeschlossene berufliche Ausbildung; mehr als die Hälfte davon über eine kaufmännische. Eine handwerkliche Ausbildung haben hingegen nur etwa 17 Prozent und einen Meisterbrief nur etwa 5 Prozent. Als ein zentrales Hindernis wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angesehen. Auch die geringen Zukunftsaussichten und die finanziellen Hürden stellen Hemmnisse für Frauen dar, sich als Meisterin ausbilden zu lassen.

Vielmehr zeigt sich der Trend, als mitarbeitende Unternehmerfrau über eine zertifizierte Weiterbildung eine höhere Qualifikation zu erwerben und diese gezielt für den Betrieb einzusetzen. Innerhalb des Ausbaugewerbes ordnen sich über ein Drittel (34 Prozent) der befragten Frauen dem Bereich Sanitär-Heizung-Klima zu. Dies macht ersichtlich, dass mitarbeitende Unternehmerfrauen häufig in traditionell männerdominierten Wirtschafts- und Gewerbezweigen anzutreffen sind und dort auch entsprechende Weiterbildungsmaßnahmen gerne in Anspruch nehmen. 

Als demotivierend beschreiben die befragten Frauen alte Rollenbilder, die Frauen allein als Mutter und Unterstützerin eines starken Mannes definieren. Gerade im Handwerk bzw. dessen Organisationen werde man noch immer mit „zum Teil sehr traditionellen Sichtweisen“ konfrontiert. Insgesamt sind sich die Frauen einig, dass motivierende und demotivierende Faktoren weniger vom Alter als vielmehr vom Umfeld, der eigenen Erziehung sowie den Lebensvorstellungen der Frau abhängen.

Sowohl mit Blick auf den demografischen Wandel als auch auf den bereits spürbaren Fachkräftemangel wird es Aufgabe der Handwerksorganisationen sein, sich (noch) stärker für die berufliche Förderung von Frauen und familienfreundliche Rahmenbedingungen in den Betrieben einzusetzen bzw. dafür zu werben. Denn die hohe Qualifikation der Frauen birgt für das Handwerk großes Potenzial. Dieses muss noch stärker genutzt werden. Wie die Betriebe dies tun können, lesen Sie in der Fortsetzung unserer Serie. 

Das Interesse steigt. Immer mehr Frauen erlernen "klassische" Männerberufe.

Haben Sie’s gewusst?

  • Anteil der Frauen bei den Meisterprüfungen 2013: 8,3 % Im Vergleich 1992: 11 %
  • Frauenanteil der Auszubildenden im Handwerk 2015: 21 %:
  • Elektroniker/-in ist der zweitbeliebteste Ausbildungsberuf,
danach folgt Anlagenmechaniker/-in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik 
  • 100 Ausbildungssuchende standen 2017 103,7 Ausbildungsangeboten gegenüber
  • 5,49 Mio. Menschen waren 2017 im Handwerk in Deutschland beschäftigt
  • Umsatz des deutschen Handwerks in 2017: 581 Milliarden

Im Interview: Julia Hofmann, bevollmächtigte Bezirksschornsteinfegerin in Frankfurt am Main

Julia Hofmann ist nicht nur eine von wenigen weiblichen Schornsteinfegerinnen, sondern auch bevollmächtigte Bezirksschornsteinfegerin in Frankfurt am Main und seit Mai dieses Jahres selbstständig.

Sie erklärt im Interview, was der Beruf für sie als Frau bedeutet und warum dieser mehr Vorteile als Nachteile mit sich bringt.

Zum Interview.

Die gesamte Studie des itb können Sie hier herunterladen.

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